10.10.2007

von B°

Das neue Album der Seer - 1 Tag

Ein musikalisches "Dreiländerrund"

Die Seer - das neue Album

Wo drei Länder auf einander treffen wird das gerne "Dreiländereck" genannt. Schnittpunkte zwischen Sprachen, Kulturen die zu kleinen Schmelztiegelchen werden. Grenzen verschwimmen, man wird dem "drübigen" gegenüber toleranter, weil in einem selbst auch ein Stückchen davon steckt. Jedes Lied der Seer ist so ein Schmelztiegel. Textlich, inhaltlich, genauso wie musikalisch und da eine CD kein Eck ist sondern immer schon rund, ist die neue CD der Seer somit ein musikalisches "Dreiländerrund", welches es zu entdecken gilt.

"1 Tag" ist die 11. CD der Seer und die logische Fortführung der vorhergegangenen zehn Alben. Es werden keine überhitzten Kapriolen geschlagen, die Band ist in jedem Lied sofort nach den ersten Akkorden wieder zu erkennen. Gott sei Dank ! – möchte man da rufen. Der Ober-Seer Fred Jaklitsch ist seinen Weg kontinuierlich weiter gegangen und solch blöden Phrasen wie "der Schnelle frisst den Langsamen" oder gar das veralterte "Stillstand ist Rückschritt" nicht auf den Leim gegangen. Das war auch nicht zu erwarten, denn dazu ruht der Mann, mit dem was er tut, viel zu sehr in sich selbst. Phrasen wie die oben angeführten stammen aus einer anderen Welt. Eine, die sich Quartalen und Zahlen, Berichten und Ergebnissen unterwirft. Heuschreckenzirkus! Eine Zeit, die sich selbst zu überholen droht und die jene, denen die Kraft fehlt mitzulaufen, gnadenlos zurücklässt.

Die "Seer" kommen aus dem Salzkammergut. Eine, von Bergen umschlossene Seenwelt, die sich nur über Passstraßen oder dem Fluss erreichen lässt. Hier wird die Zeit in Jahrmillionen gerechnet. Das Salz, welches aus dem Berg geholt wird, ist älter als alles Andere. Die Seen liegen seit Ewigkeiten still und dunkel im Talboden. Hier ist Zeit relativ, sie wird nicht in Stunden und Minuten gemessen sondern in Empfindungen. "Heut geht's mir gut" oder "Mir ist es schon besser gegangen". Wie lange die Empfindung dauert, kann nicht in Einheiten gemessen werden! Punkt. Schmeißt eure Uhren in den See, wenn ihr hier her kommt. Die Menschen aus dem Salzkammergut sind ihrer Heimat sehr ähnlich. Unterschiedlich wie die Gesteinsschichten der Berge, die sie umgeben. Dem Traditionellen mehr verbunden als dem Fortschritt auf Druck. Das Salzkammergut ist so auch zum Rast- und Lebensplatz vieler Künstler und Intellektueller geworden.

Fährt die Zeit mit ihren Stürmen durch das Leben, so lässt sich schlecht kreativ arbeiten. Gerade die Musikindustrie ist das Paradebeispiel dafür, wie wenig Shareholder Value und Musik zusammen passen. Das eine braucht seine Zeit um wachsen zu können, das andere misst Zeit in Quartalen. Wenig Chance für Dreiländerrund. Das geht nur wenn der Erfolg den Freiraum erkämpft… Bei den Seern ist das so. Da sind die Ergebnisse in den Charts, die Zahl der Gold- und Platinauszeichnungen. Sie haben erkannt, dass die Entschleunigung des Lebens das eigentliche Erfolgsgeheimnis ist. Ihre Lieder sind keine Mitnahmeartikel. Man muss in Ruhe in die Texte hineinhören um zu entdecken, dass darin kleine, klare Erinnerungen zu finden sind. "Seenland, Seelenland" – das Eröffnungslied auf der CD weist den Weg. Es geht um Freundschaft, um Partnerschaft, um das "nicht alleine sein". Schon das Wort "Seelenland" beinhaltet sehr viel Frieden und Einkehr.

Der Titelsong "1 Tag" transportiert diese kribbelige Form der Harmonie die dann am schönsten sichtbar wird, wenn im Konzert die Leut' sich umarmen, einander möglicherweise so nahe sind wie sie es viele Wochen zuvor nicht mehr waren. Oder "Tuat Guat", ein völlig unkitschiges Freundschaftslied. "Es tut gut dich wieder zu sehen". Eine ehrliche Aussage, dass man den anderen auf seine Art einfach mag. Und genau das ist die Stärke des Komponisten und Texters Fred Jaklitsch. Er bringt durch seine Lieder die Leut' dazu, für einen Moment aus der Rennbahn des Lebens zu steigen. Inne zu halten. Entschleunigung! Den Moment der Musik zu genießen mit der klaren Ansage: "Macht was ihr wollt, aber lasst mich in Ruhe… I hör jetzt die Seer!" Und da ist egal von wo die Musik kommt. Ob von der CD oder von der Bühne. Es funktioniert wie kleine Post It- Zettel, die sich dann an der Seele der Zuhörer festkleben und wo drauf steht "bitte nicht stören". Innehalten ein Rückschritt? Nie und nimmer! Der Berg steht dort, wo er schon immer gestanden ist und der See macht's ihm gleich. Seerisch eben. Von der ersten bis zur elften CD. Vom ersten bis zum elften Cover. Musikalisches Dreiländerrund. Sollte der Seer-Fred jemals auf die irrwitzige Idee kommen, das dramatisch ändern zu wollen, dann wird es da nicht wenige geben die ihn fragen werden ob er sich "noch richtig g'spürt…" Dann schmeißen's ihn raus aus dem Salzkammergut. Zu Recht! Und nach "1 Tag" wäre er wieder zurück, mit Sicherheit!

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