02.07.2014

von B° MS

(Quelle: Andrea Brandl, Museen und Galerien der Stadt Schweinfurt)

Wegmarken – Deutsche Kunst nach 1945

"Abstrakt ist schöner" – Glanzlichter der Kunsthalle Schweinfurt – aktuelle Dauerausstellung

Kunsthalle

Wegmarken - Blick in die Ausstellung

Helmut Sturm, Porträt af Temperameter. 1961

Karl Otto Götz

Im Mai konnte nach nunmehr eineinhalbjähriger Absenz die städtische Kunstsammlung wieder in die dafür vorgesehenen Räume im Erdgeschoss der Kunsthalle als Dauerpräsentation einziehen. Fünf Jahre nach Eröffnung der Kunsthalle zeigt sie jetzt unter dem Motto "Wegmarken" erneut eine anspruchsvolle Sammlung von Gemälden, Skulpturen und Installationen zur Kunst nach 1945 in Deutschland. Dennoch signalisiert die Formulierung "Wegmarken", dass in der Kunsthalle Schweinfurt noch immer bestenfalls Ausschnitte aus dem weiten Feld der Kunstgeschichte gezeigt werden können. Als Kunsthalle in der Trägerschaft der Stadt Schweinfurt sieht sie ihre Aufgabe darin, mit beiden Füßen auf dem Boden des lokalen oder regionalen Kunstschaffens zu stehen, aber dennoch die nationalen oder gar internationalen Horizonte künstlerischer Entwicklungen nicht aus den Augen zu verlieren.

Den Besucher erwarten einige Neuerungen gegenüber der ersten Hängung anlässlich der Eröffnung der Kunsthalle im Jahre 2009. Die aktuelle Präsentation ist weitestgehend chronologisch aufgebaut. Die Anzahl der ausgestellten Werke wurde deutlich reduziert. Die Räume zeigen sich in einer lockeren, aber hochkaratigen Präsentation mit Glanzlichtern in Form von einigen neu erworbenen Arbeiten, mit denen Lücken im Sammlungsbestand erfolgreich geschlossen werden konnten. Zu nennen wären beispielsweise Künstler wie Wilhelm Kohlhoff, Willi Baumeister und Karl Otto Götz als großzügige Leihgaben der Sammlung der Bundesrepublik Deutschland, oder etwa Helmut Sturm. Dieser spannende Blick auf die deutsche Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts sucht in Süddeutschland seines Gleichen!

Das Konzept ermöglicht eine zeitliche Anknüpfung an die Sammlung Joseph Hierling im Untergeschoss anhand ausgewählter Werke im ersten Raum. Damit reagieren die verantwortlichen Kuratoren auch auf die Wünsche und Anregungen des Publikums. Sparsam an den Wänden angebrachte knappe Zitate berühmter Künstler sollen die Fantasie des Gastes anregen und zum Verständnis der künstlerischen Anliegen in den einzelnen Räumen beitragen. Die Auswahl der im Westflügel ausgestellten Exponate im Dialog zwischen Abstraktion und Figuration wird beispielsweise mit den klangvollen Worten des Bildhauers Bernhard Heiliger "Symbole für eine neue Zeit" umschrieben. Für den 100-Jährigen informellen Maler Karl Otto Götz ist zeitlebens und bis heute der Satz "Abstrakt ist schöner" Programm. Für die Emanzipationsbewegungen der späten 1950er Jahre und dem gesellschaftskritischen Aufbegehren in der Adenauer-Ära stehen in Süddeutschland die (damals) jungen "wilden Künstler" um SPUR, die 1958 mit ironischem Unterton aufbegehrten: "Ein kultureller Putsch, während ihr schlaft!".

Im Westflügel werden die wichtigsten Entwicklungen in der deutschen Kunst der 1950er, 60er und 70er Jahre aufgezeigt. Während auf diesem Weg die Exponate Hauptströmungen deutscher Kunstgeschichte markieren, stehen im Nordflügel unter dem Aspekt "Alles ist Kunst?!" unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen im Fokus zeitgenössischen Kunstschaffens. Denn in der Bildenden Kunst im 20. und 21. Jahrhundert sind Fragestellungen um das menschliche Sein als eine Synthese von Kunst und Leben das vorrangige Thema. Die seit der Antike überlieferten klassischen Begriffe und klar definierten Darstellungsformen von Menschenbild, Landschaft und Stillleben scheint es nicht mehr zu geben. "Alles ist Kunst!" und "Jeder ist ein Künstler" sind die Schlagwörter der 1960er und 70er Jahre. Der von Joseph Beuys propagierte erweiterte Kunstbegriff findet vor allem in der sozialen Plastik einen Niederschlag und bewegt sich oft außerhalb der konventionellen Auffassung von Kunst. Auch das Thema Landschaft gerät vielschichtiger denn je in das Blickfeld zeitgenössischer Künstler. Eine Trennung zwischen Menschenbild und Landschaft wird aufgehoben und gleichzeitig ist eine neue Poesie in der Bildsprache gerade dort anzutreffen.

Neuheiten überraschen den Besucher auch in diesem Bereich. Victor Kraus hat der Kunsthalle sein in der Schweinfurter Ausstellung 2012 gezeigtes Atelier als Schenkung überlassen, das nun am Ende des Nordflügels in einem eigenen Kabinett inszeniert wird. Wir als Betrachter sind mitten im Geschehen zwischen Farbtuben, Pinseln und Leinwänden und können per Video dem Künstler beim Arbeiten zusehen. Diese kreative Offenheit steht programmatisch für das aktuelle Hängekonzept, das ausgewählte Facetten deutscher Kunst aus dem eigenen Bestand in Form von "Wegmarken" aufzeigen will.

Der quadratische Eckraum als Gelenk zwischen diesen beiden Gebäudeteilen ist nun die "Galerie2". Dort werden zukünftig kleinere Werkkomplexe temporär vorgestellt. Den Anfang macht eine Schenkung von 55 Erdausreibungen aus dem Zyklus "aus der heimat" (1992) des im Steigerwald lebenden Niederländers herman de vries (18.5. – 19.10.2014), die von einem exquisiten Katalogbuch illustriert wird. Zusätzlich hat auf dem Vorplatz der Kunsthalle Thomas Röthel eine auch in ihrer Größe beindruckende Plastik aus der Serie "Segmentbogen" als Leihgabe bis 19. Oktober positioniert.

Die ständige Ausstellung "Wegmarken" wird selbstverständlich vom Schweinfurter Museumsservice MuSe begleitet. Sein klares Ziel ist eine lebendige und vielseitige Kunst- und Kulturvermittlung – immer ausgerichtet auf die Zielgruppe und immer möglichst nah am originalen Museumsobjekt. Das Angebot umfasst klassische Führungen, Führungen mit Kreativteil, gestalterische Kurse, Vorträge, Workshops, Fortbildungen und Künstlergespräche. Ein Audioguide ist in Vorbereitung.

Zu "Wegmarken" ist ein reich bebilderter 336 Seiten umfassender Bestandskatalog mit 154 Künstlern und einem das neue Hängekonzept ausführlich erläuternden Beitrag erschienen, der an der Museumskasse für 18,- € erworben werden kann.

Ein 360°-Panoramarundgang gibt einen Vorgeschmack auf die Dauerausstellung und die aktuellen Sonderausstellungen in der Kunsthalle.

Öffnungszeiten: Täglich: 10–17 Uhr, Donnerstag 10–21 Uhr
Montags geschlossen. Seit 1.6.2014 jeden 1. Donnerstag im Monat freier Eintritt.
Führungen buchen Sie bitte unter Tel. 09721/514744

Eintrittspreise
Eintritt 5,- €
Ermäßigter Eintritt 3,50 €
Kleingruppenkarte 1 (1 Erwachsener und bis zu 3 Kinder unter 18 Jahren) 4,- €
Kleingruppenkarte 2 (2 Erwachsene und bis zu 3 Kinder unter 18 Jahren) 8,- €
Öffentliche Sonntagsführung zuzüglich Eintritt 1,50 €
Audio-Guide 2,- €

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