29.06.2013

von B° MS

(Quelle: Silvia Eidel)

Berührt von einer alten Geschichte

Die leidenschaftlich gespielte Premiere der Fränkischen Passionsspiele Sömmersdorf begeisterte - Eröffnung durch päpstlichen Gesandten

Einzug nach Jerusalem

Aufrichten des Kreuzes

Nuntius Jean-Claude Perisset erteilt den Passionsspielen den Segen.

Die neue Bühne kurz vor Eröffnung der Passionsspiele

Der Blick in die Zuschauerränge ist auch für die Darsteller beeindruckend.

Der Passionsgarten liegt genau in der Mitte des Weges zwischen Bühne und Kirche.

Die neue Passionsgalerie lohnt einen Besuch.

Horst Seehofer hat definitiv etwas verpasst: Eine geniale, ergreifende Premiere der neuen Fränkischen Passionsspiele Sömmersdorf, zu der er als bayerischer Ministerpräsident zunächst kommen wollte, wegen der Klausurtagung zum Wahlkampfprogramm der Unionsparteien dann absagte. Wäre er in Sömmersdorf gewesen, hätte er erlebt, wie christliche, menschliche Werte von 400 Mitwirkenden des 680-Einwohner-Dorfes auf berührende Weise vermittelt werden.

Der Tränen mussten sich die Zuschauer nicht schämen, denn das Schauspiel der Sömmersdorfer Laien-Darsteller ging ans Herz. Mancher Mann unter den 1900 Zuschauern wischte sich verstohlen am Augenwinkel, bei mancher Frau floss die Wimperntusche. Zu verständlich, nachvollziehbar war das Leid beispielsweise der Mutter Jesu, Maria, über den Tod des Sohnes. Darstellerin Susanne Brembs lebte diesen Schmerz genauso wie Magdalena, die Jüngerin, gespielt von Melanie Weber.

Dass hier Laien ehrenamtlich – nur für einen Verzehrbon - über drei Stunden auf der Freilichtbühne standen, war vergessen. Professionell, einfach echt wirkte die Enttäuschung eines Judas (Johannes Gessner), der von Jesus konkrete Hilfe erwartete, der ihn deshalb an den Hohen Rat verriet. Und der aus Verzweiflung schließlich den Freitod wählt, vor den Augen der überraschten Zuschauer: Dezent hinter einem Leinensack verborgen baumelte er am Baugerüst in der Stadt Jerusalem.

Von Nervosität war bei den Sömmersdorfer Spielern wenig zu spüren. Ein prächtig aufgelegter Vereinsvorsitzender Robert König kämpfte als römischer Statthalter Pontius Pilatus nicht nur gegen den machtbewussten Hohen Rat, angeführt von Kajaphas (Egbert Pfeuffer). Er kämpfte auch um Jesus.

Vor allem dieser Mann aus Galiläa zog die Zuschauer in seinen Bann: Stefan Huppmann brillierte als charismatischer, aber durchaus menschlicher Heilsbringer. Der zornig die Händler aus dem Tempel trieb, der zitternd und schreiend Todesängste ausstand und der der Versuchung widerstand.

Als Begleiter in solchen Szenen bestach Patrick Spyra in der neuen Rolle des Satan. Zwar taucht sie in der biblischen Passionsgeschichte nicht auf, aber der 22jährige verkörperte das Böse schlechthin für den Zuschauer, auf geradezu animalische Weise: Wie eine Schlange wand er seinen Körper beim Gehen, drehte den Kopf, fixierte sein Opfer, immer untermalt von diabolischen Geräuschen.

Gerade die neue Musik von Hans Beyer und Martin Kleiner unterstrich die vielen Emotionen bei Schauspieler und Zuschauer. Keine klassischen, bombastischen Werke waren zu hören, stattdessen zauberte das kleine Ensemble einfühlsame Klänge, orientalische Weisen oder herrisch-blecherne Töne auf die Bühne.

Das ganze Passionsstück ist dichter geworden, die Szenen wechseln schneller, das Tempo fordert manchmal den Zuschauer. Der will sich ja die vielen Details auf den verschiedenen Spielebenen der neuen Freilichtbühne nicht entgehen lassen. Da taucht aus dem Sömmersdorfer Münsterholz Jesus auf einem Esel auf, um in die Stadt Jerusalem zu reiten. Da ziehen Bauarbeiter an einem Gerüst Steine hinauf, da feilschen Teppich-, Seil- oder Gewürzhändler, da blöken Schafe und flattern Tauben. Da winken Männer und Frauen, Alte und Junge mit frisch gepflückten Farnblättern diesem Messias zu.

Gerade die Massenszenen, sei es beim Einzug in Jerusalem, der Vertreibung der Händler aus dem Tempel, bei der Geißelung Jesu oder beim Kreuzweg bestechen durch ihre Wucht, durch das pralle Leben. Die Sömmersdorfer Spieler verkörpern dieses jüdische Volk, das sich mitreißen lässt, mal von Jesus, mal vom Hohen Rat.

Zu den vielen neuen Ideen der beiden Regisseure Hermann J. Vief und Marion Beyer zählt auch die Rahmenhandlung der "größten Geschichte aller Zeiten": Eine Schulklasse besucht in der Gegenwart die biblischen Stätten in Jerusalem, ihnen erzählt die Lehrerin die 2000 Jahre alte Geschichte des Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu. Die Geschichte beginnt mit dem Vater unser und damit endet sie auch, wiederum in der Gegenwart. Mit einem gewaltigen, englisch gesungenen "Our father" aller Sömmersdorfer Schauspieler.

Gerade die Einbettung der Leidensgeschichte in die heutige Zeit gefiel dem Schirmherrn Bischof Friedhelm Hofmann. Und ein beeindruckter päpstlicher Nuntius, Erzbischof Jean-Claude Périsset, bemerkte, dass man mit solchen Passionsspielen manchmal mehr erreiche als mit einer Predigt.

 

Päpstlicher Gesandter eröffnet die Fränkischen Passionsspiele

Als ein "bedeutungsvolles Mittel zur Neuevangelisierung" bezeichnete der Apostolische Nuntius in Deutschland, der Berliner Erzbischof Jean-Claude Perisset, die Fränkischen Passionsspiele Sömmersdorf. Zur Eröffnung der diesjährigen Festspielsaison hatte der Vertreter des Papstes am Sonntag Vormittag auf der Sömmersdorfer Freilichtbühne einen Gottesdienst gefeiert. Dabei würdigte er die Vermittlung des Glaubens durch die Form des Passionsspiels. Darüber könnten nicht nur die Schauspieler, sondern viele Menschen einen neuen Zugang zum Glauben finden. Acht Priester, darunter Dekan Gregor Mühleck, Dekan Bernold Rauch, Monsignore Otto Barth, der örtliche Pfarrer Markus Grzibek sowie Diakon Frank Greubel zelebrierten die Messfeier mit 1500 Besuchern.

Ein Fest der Superlative - Begeisterte Gäste, bewegende Vorstellung

Welche gewaltige Herausforderung die Sömmersdorfer mit ihren neuen Fränkischen Passionsspielen gemeistert haben, wurde beim Empfang nach der Premiere in Worte gefasst. Unter den vielen Superlativen der begeisterten Festredner kursierte immer wieder der Satz: "Ich bin stolz auf Sömmersdorf".

Eine bewegende Vorstellung hatten die 400 ehrenamtlichen Mitwirkenden aus dem 680-Einwohner-Dorf mit ihren Passionsspielen geboten, hatten mit ihrer Neuinszenierung der Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu die Menschen "in Herz und Seele getroffen", wie es der Schirmherr Bischof Friedhelm Hofmann ausdrückte. Unter den vielen Passionsspielorten in Europa sei Sömmersdorf ganz vorne dabei, hinter Oberammergau müsse es sich bestimmt nicht verstecken. "Man war live dabei, in dem Geschehen mittendrin", stellte er fest. Gerade die Einbettung der Geschichte in eine Rahmenhandlung in der Gegenwart zeige: "Hier passiert etwas, das uns alle angeht".

Sichtlich angetan von der Leistung der Laien-Darsteller zeigte sich der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Jean-Claude Périsset. Er hatte bereits vor über drei Jahren durch Kontakte des früheren Sömmersdorfer Pfarrers Otto Barth sein Kommen zugesagt und damit für überregionale Aufmerksamkeit auf die Fränkische Passion gesorgt.

Als Vertreter der bayerischen Staatsregierung drückte Innenstaatssekretär Gerhard Eck, noch unter dem Eindruck der fulminanten Vorstellung, seine "allergrößte Hochachtung" aus. Eine frohe Botschaft brachte Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel mit: Der Kulturausschuss bewilligte für die technische Ausstattung der neuen Bühne einen 30.000-Euro Zuschuss.

"Tief beeindruckt" zeigte sich auch Landrat Florian Töpper, der die Sömmersdorfer wissen ließ: Der Landkreis steht an der Seite des "Kulturdorfes", hat daher auch mit zusätzlichen 45.000 Euro den gewaltigen Bühnenumbau unterstützt.

Zu seiner Ergriffenheit durch das berührende Spiel bekannte sich auch Euerbachs Bürgermeister Arthur Arnold. Er dankte den vielen "guten Geistern" – in Anspielung an die neue, bemerkenswerte Rolle des bösen Satan – , die sich für das Passionsspiel und damit für die Dorfgemeinschaft engagieren. Zu den immer wieder angestellten Vergleichen mit Oberammergau stellte er fest, dort sei die Kommune der Veranstalter, hier aber ein ehrenamtlich arbeitender Verein. Dort investiere die Gemeinde mit einer Staatsbürgschaft, in Sömmersdorf werde erst das Geld erwirtschaftet und dann ausgegeben, "so wie wir das gelernt haben".

Auf die anstrengende Bauzeit, auf tausende von Vorbereitungen und schließlich 20 Probenwochenenden ging Vereinsvorsitzender Robert König ein. Bei manchem Stress und Ärger habe er immer auf die Hilfe seiner Sömmersdorfer bauen können. "Ich bin dankbar, dass ich in solcher Gemeinschaft leben darf und dem Verein vorstehen darf", sagte er sichtlich bewegt.

Er beneide Robert König um das großartige Engagement, meinte Josef Lang, Vorsitzender der Europassion, der Vereinigung europäischer Passionsspielorte. Zwar sei Sömmersdorf zahlenmäßig eher klein, sei aber zum größten Passionsspielort in Europa geworden.

Mit viel Humor erinnerten die beiden Regisseure Marion Beyer und Hermann J. Vief an die harte Probenarbeit und konstatierten: Die Spieler seien über sich hinausgewachsen.

Mit einer Überraschung wartete Vereinsvorsitzender König zum Schluss auf. Der kürzlich verstorbene Ehrenvorsitzende Robert Seemann, der über 30 Jahre den Verein geprägt hatte, wurde posthum besonders gewürdigt: Die Münsterhalle, die er mit gebaut und betrieben hatte, wird ab sofort umbenannt in "Robert-Seemann-Halle". Seine Witwe Elisabeth Seemann nahm gerührt die Ehrung entgegen.

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